Veranstaltungen / DZV-Veranstaltungen / 23.11.2011 - Freigräume im 21. Jahrhundert - Menschen und Meinungen: Ursachen und Lösung der Finanzkrise, mit Robert Halver
Im Gespräch mit Robert Halver
Veranstaltung vom 23. November 2011 in der Kalkscheune in Berlin:
„Die EZB muss die geldpolitische Bazooka rausholen…….“
Berlin – Aktueller hätte die Freiräume-Veranstaltung des Deutschen Zigarettenverbandes (DZV) nicht sein können. Mitten in der Euro-Schulden-Finanzkrise hatte der DZV den bekannten Börsenanalysten Robert Halver (Baader Bank) als Gast der Veranstaltung eingeladen. Halver, bekannt durch seine Medienauftritte, lieferte dem gebannt lauschenden Publikum in 40 Minuten seine Erklärung über Ursachen und Lösung der Finanzkrise.
Bis vor wenigen Monaten war Halver nur einem Fachpublikum bekannt. Nun erklärt er, seit dem die Krise täglich schlimmer, die Rettungsschirme größer und die Schuldenzahlen immer mehr Nullen bekommen, warum die Börsen verrücktspielen. Sein Motto: „Unruhige Zeiten verlangen nach klaren Worten!“ Und klare Worte liefert der 47-Jährige Rheinländer gerne und zuverlässig. Für ihn sitzen die Schuldigen in Berlin, Brüssel und Amerika. Es ist die Politik, die stört. „Wir haben eine politische Krise, die zu Unsicherheiten führt, und das ist Gift für die Börse.“ Die Politik müsse rasch Lösungen finden für die Euro-Schuldenkrise, fordert der Experte. Und weiter: „Die Märkte muss man sich jetzt einfach mal austoben lassen." Für ihn haben die Märkte deshalb auch nicht zu viel Freiraum. Aber es braucht seiner Auffassung nach klare Verhältnisse, die die Politik hat vermissen lassen. Die Politik hat es versäumt, den Märkten klare Vorgaben zu machen. „Der verrückte Hühnerhaufen von Euroland, wie ich es nenne. 17 Hühner, die nicht in der Lage sind, sich gemeinsam gegen die bösen Finanzmärkte zu wehren, sondern stattdessen sich gegenseitig die Augen auspicken. Und so vermittelt Europa dem Rest der Welt, dass es nicht mehr der klare, funkelnde Stern sei!“ Und, um im Bild zu bleiben, mahnt Halver: „Wer den Hühnerstall nachts offen lässt, darf sich dann auch nicht wundern, wenn die bösen Füchse kommen und sich ihre Beute holen!“ Gemeint sind die Spekulanten, die gegen die Staaten wetten. Aus diesem Grund sieht Halver eher eine politische, denn eine Finanzkrise. Weil die Probleme nicht konsequent angepackt werden. „Finanzmärkte sind genau wie pubertierende Jugendliche – sie brauchen eine Führung!“ . Seine Lösung heißt: Griechenland muss raus aus der Euro-Zone. Und Halver setzte noch eins drauf. „Ich hätte mich gefreut, wenn die greichen eine Volksabstimmung gemacht hätten. Ich hätte gerne auch die Wahlzettel gefälscht. Dann hätten die Griechen mit Nein gestimmt! Und dann. Ja, dann hätten Merkel und Co ein Problem gehabt, dass sie hätten lösen müssen!“ Leider kam es ja anders. Halver will die Griechen für mindestens zehn Jahre aus dem Euro raushalten. Er nennt das ein Sebatical – frei übersetzt eine Art zehnjähriges Besinnungsjahr. „Wenn sie in der Zeit dem restlichen Europa zeigen, dass sie hart und diszipliniert an sich arbeiten können, die Wirtschaft ans Laufen und die Schulden in den Griff bekommen, dann dürfen sie wieder zurück!“
Und was geschieht in der Zwischenzeit, fragte sich so mancher Zuhörer in der Kalkscheune in Berlin Mitte? „Die EZB, die europäische Zentralbank, muss ran!“ So einfach und klar lautet die Lösung, die der Börsenexperte den rund 100 Gästen des Abends präsentierte. Den Einwand, das würde doch die Inflation in die Höhe treiben, wenn die EZB Schulden aufkaufen würde und somit mehr Geld in den Kreislauf gelangen würde, wischt Halver verbal wie auch mit den Händen bildlich vom Tisch. „Inflationsangst ist die Ur-Panik der Deutschen – eine deutsche Krankheit. Dann haben wir halt Inflation – na und! Für die USA ist das ein dauerhafter Zustand. Die pumpen ständig Geld in den Markt. Weil Geld für die Amerikaner bedeutet, es geht voran.“ Halver nennt das einen Zaubertrank, so wie bei Asterix und Obelix. Diese Wundermedizin kann ernsthaft nur von der EZB kommen. Schlicht und ergreifend muss sie den Finanzmärkten den Krieg erklären und italienische Staatsanleihen auf fünf Prozent drücken, ein Niveau, das für Italien nachhaltig tragbar ist. Und damit die Märkte klein beigeben, darf die EZB nicht wie bisher nur kleckern, sie muss richtig klotzen, also die „geldpolitische Bazooka“ herausholen. Halvers Plan: „Als Aufkäufer am Markt für euroländische Staatsanleihen kann sie effektiv und vor allem schnell die Eurozone vor einem Auseinanderbrechen bewahren. Sie muss massiv auf Einkaufstour gehen, um die fehlende Nachfrage aus dem Bankensektor zu ersetzen. Man kann die Wahrheit politisch leugnen, ignorieren kann man sie nicht. Und leider schließt sich das Zeitfenster immer weiter.“
Nicht in schöner Stabilität sterben
Im Endeffekt gibt also die EZB den prekären Ländern die nötige Zeit, ihre Reformen ohne Reibungsverlust durchführen zu können. Denn die Reformen werden zwar nicht so lange brauchen wie der Aufbau von Rom, aber sicherlich schon die Zeit der Umsetzung der Agenda 2010 erfordern.
„Warum verschließt sich also die deutsche Bundesregierung dieser Logik? Ja, es hat mit der alten, bekannten Stabilitätspolitik nicht mehr viel zu tun, die wir so lieben. Und die ist unter normalen Bedingungen auch von größter Bedeutung. Aber wir haben keine normalen Bedingungen. In letzter Konsequenz geht es um die Stabilität der Eurozone. Wenn ein Kind in den Brunnen gefallen ist und droht, zu ertrinken, diskutiert man dann in epischer Breite über Rettungsphilosophien? Nein, man holt das Kind mit der wirksamsten und schnellsten Methode heraus“, so Halver
Noch einmal, es geht um die Stabilität Eurolands. Also im europolitischen Kreuzworträtsel gibt es auf die Frage „Euro-Rettung mit drei Buchstaben“ nur eine Antwort: EZB. Die EZB muss kaufen und so Sicherheit generieren. Und Halver beschreibt den Effekt ganz anschaulich für die Zuhörer. „Wenn die italienische Kuh auf dem Eis steht und die EZB garantiert, dass die Kuh nicht einbrechen wird, dann kann ich doch auch in die Kuh, sprich Italien investieren. Die EZB garantiert mir ja die Sicherheit!“
Zum Schluss gab es dann noch einen Tipp, in was die Zuhörer – mittel- oder langfristig – investiert werden soll. „Wissen Sie, ich komme aus einer landwirtschaftlich geprägten Familie. Da ging es immer um solide Werte! Investieren Sie in Unternehmen, die die Grundbedürfnisse befriedigen. Menschen wollen immer essen, trinken, sich fortbewegen.“ Will heißen, wer sein Geld anlegt, sollte in Unternehmen aus den Bereichen Versorgung, Pharma- und Medizinindustrie, deutsche Industriewerte (die haben sich laut Halver bestens für die Schwellenländer aufgestellt) investieren. Plus Gold und Silber – und das nicht nur um den Hals und am Finger der Ehefrauen.
